Karl Straub: Yoga im Umgang mit wütenden Menschen
Bevor Karl Straub Yoga und Meditation unterrichtete, arbeitete er als Delfinforscher, Schullehrer und Manager. Spirituelle Themen sind ihm allerdings schon seit seiner Kindheit vertraut. Der Amerikaner integriert diese Erfahrungen und Ausbildungen, darunter in Jivamukti-Yoga, Tibetan Hearth Yoga und Thai-Massage, zu einem eigenen Stil. Zurzeit ist er in verschiedenen deutschen Studios zu Gast. Yogaservice.de sprach mit ihm über seinen Weg, seine Praxis und den Umgang mit Wut.
ys: Wie kam es dazu, dass du dich bereits als Kind mit Meditation und Psychologie auseinandergesetzt hast?
Meine Eltern haben einen christlichen Hintergrund und sind sehr interessiert an Psychologie und Spiritualität. Gemeinsam mit meinem Bruder und meiner Schwester haben wir in Arkinson (USA) gelebt. Meine Eltern ermöglichten uns die Auseinandersetzung mit spirituellen Ideen und Idealen. Sie waren meine ersten Lehrer. Es ist in ihrem Leben wichtig und sie leben das Beispiel von Liebe füreinander und andere. Darüber hinaus praktizierten sie intensiv Svadhyaya (AdR: Eine Verhaltensrichtlinie, Niyama, aus Patantjalis „Yoga Sutra“), die Selbsterforschung und -erkenntnis, wer wir wirklich sind und die göttliche Natur. Um sich mit dem göttlichen in uns auseinanderzusetzen ist es wichtig zu lernen, wie man auf Menschen reagiert, die eine unterschiedliche Meinung oder Sichtweise haben. Hier gleichen sich viele spirituelle Traditionen. Ein respektvoller, fürsorglicher und liebevoller Umgang mit uns und mit anderen ist die Aufgabe.
In den Schulferien nahmen wir oft an Sommercamps teil, die einen spirituellen Bezug hatten. Ich erinnere mich an ein Camp, in dem uns ein Lehrer durch eine Meditation leitete. Das war eine bedeutende Erfahrung für mich, denn mein Geist erreichte Orte, an denen ich nie vorher war. Von diesem Tag an war ich begierig zu erfahren, was der Geist ist, welche Möglichkeiten der Geist hat und wer wir sind. Ich las viele Bücher und Texte aus verschiedenen Traditionen, die mir Türen öffneten für eine andere Wahrnehmung.
ys: Hat sich deine persönliche Praxis im Laufe der Zeit verändert?
Ja, es ist eine Veränderung, die ich auch bei meinen Lehrern über die Jahre beobachtet habe. Es geht um die Integration der Yogapraxis in das tägliche Leben. Es geht nicht nur um die körperliche Yogapraxis, sondern auch um Meditation und die Intention während des Tages. Was wir essen, wie wir mit uns umgehen, mit anderen umgehen. Wir können uns mit ethischem Verhalten in der Yogastunde auseinandersetzen oder wenn wir Texte dazu lesen. Aber das Entscheidende ist, wie wir es tatsächlich in unser Leben integrieren und anwenden. Daran arbeite ich, da ich das Gefühl habe, es noch nicht umfassend genug durchdrungen zu haben. Aber es zeigen sich schon Veränderungen. Vor zehn Jahren bin ich schneller wütender geworden. Das heißt nicht, dass ich immun gegen Wut bin. Ich fühle und beobachte immer noch Wut in mir aufsteigen und dafür sollte man sich auch nicht verurteilen. Aber heute schaltet sich das Bewusstsein viel schneller ein, in dem mir eine Wahl gegeben wird, wie ich auf Wut reagiere. Ich kann die Wut herauslassen oder wählen, mich anders zu verhalten. Möchte ich wütend sein? Nein, die Kosten von Wut sind zu hoch, sowohl für dich als für mich.
ys: Praktizierst und lehrst du bestimmte Methoden im Umgang mit negativen Emotionen?
Manchmal reichen einfache Mittel wie Atmen oder Bewegung, um sich zu beruhigen. Das hängt immer von den Umständen und dem Menschen ab. Man lernt mit der Dauer der spirituellen Auseinandersetzung und Selbsterkenntnis die Methoden – vielleicht auch einen Mix an Methoden – sicherer einzusetzen. Man muss nicht erst logisch überlegen, welche Technik sich jetzt eignet, damit es einem besser geht. Man lernt, sich intuitiver zu verhalten.
Aber eine Methode, die ich im Umgang mit Wut besonders schätze, ist von dem buddhistischen Meister Shantideva. Werde ich mit Wut konfrontiert, beginne ich zu atmen und süße Gedanken zu entwickeln, wie ich meinem wütenden Gegenüber helfen kann. Offensichtlich ist die Person sauer. Dann versuche ich, meinen Geist in ihren oder seinen Geist zu versetzen. Mich in die andere Perspektive zu versetzen. Ich begebe mich hinter deren Augen und sehe vielleicht, dass der Mensch wütend und sauer ist, weil ihm viel Leid im Leben erfahren ist. Warum soll ich wütend sein? Der andere Mensch hat gelitten. Ich sollte Verständnis aufbringen und akzeptieren, dass der Mensch wütend ist und vergeben.
ys: Vielen Dank.
Artikelbild: Karl Straub beim Transatlantic Yogafestival Cologne 2009. @ yogaservice.de
Zum Thema
Workshops von Karl Straub in Berlin (am kommenden Sonntag, 7.-8.8.2010), München (14.-15.8.2010), Schneverdingen (22.-28.8.2010)
Webseite von Karl Straub
Erinnerungen an ein Retreat mit Karl, Yoga und Delfinschwimmen auf Hawai, das Januar und Februar 2011 wieder stattfinden soll.
Weitere Interviews mit Yoga-Persönlichkeiten auf yogaservice.de
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