Bhagavad Gita: Wie bewältigt man dieses Werk?
Wer hat diese Bemerkung nicht auch schon mal gehört: Patanjalis Yogasutra sei ja ganz nett, aber die Gita – eine ganz andere Dimension! Dazu dieses gewisse Lächeln. Ob das stimmt, sollte man unbedingt für sich überprüfen. Allerdings geht nicht wenigen bei der Lektüre des religionsphilosophischen Lehrgedichts die Luft aus. Wir verraten, wie man sich den alten Stoff erschließt.
Es geht zwar nicht um Körperübungen (Asanas) in der Bhagavad Gita; für das tiefere Verständnis der Yogaphilosophie und der indischen Kultur aber gehört sie sicher zum Literaturkanon. Die 700 Verse enthalten das, was Hindus unter Yoga verstehen. Und sie genießen das Ansehen eines weltliterarischen Monuments. Mahatma Ghandi hat sie sich regelmäßig vorlesen lassen, als er das Bett hüten musste. Und der deutsche Gelehrte Wilhelm von Humbold bezeichnete den Text schon 1825 als „das schönste, ja vielleicht das einzige wahrhaft philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben.“ Die Bhagavad Gita ist widersprüchlich, umstritten, für die einen nicht mehr zeitgemäß, andere dagegen ehren sie bis heute als Offenbarung. Zum Beispiel die Gita Society, auf deren Website man sich die Verse gratis anhören kann. Es gibt viele Bhagavad Gita-Ausgaben von Yogameistern mit „-ananda“ am Namensende, also Angehörigen eines religiösen Ordens oder Ashrams, die versuchen, der Bhagavad Gita eine eindeutige – ihre – Aussage zu verleihen. Doch der Wunsch nach Eindeutigkeit führt hier in die Irre. Es gehört nun mal zu ihrem Charakter, dass sie verschiedene philosophische Traditionen anklingen lässt. Daher rührt auch die Theorie, die Bhagavad Gita sei ähnlich wie die Bibel das Produkt mehrerer Autoren. Auch das Publikum ihrer Verehrer ist bunt: Das Spektrum reicht von Symbolfiguren für Gewaltfreiheit wie Mahatma Ghandi bis zu einem Nazi wie SS-Reichsführer Heinrich Himmler, der dieses Buch ständig bei sich trug. Er griff sogar in seinen Reden Gedanken daraus auf.
Die Bhagavad Gita erzählt eine Geschichte, die im Krieg stattfindet. Ihre Hauptfigur ist ein Krieger. Der Held Arjuna kommen vor der Schlacht Zweifel am Töten – aber nach der Unterweisung in Yoga stürzt er sich mit unbezwingbarer Wucht in den Kampf. Das widerspricht der weitverbreiteten Vorstellung, Yoga habe grundsätzlich etwas mit Friedfertigkeit und Gewaltverzicht zu tun. Es bleibt dem Leser wie dem Yogi nicht erspart, Widersprüche auszuhalten. Die Bhagavad Gita bietet hierfür ein perfektes Denk-Asana.
Statue des Arjuna in Ubud/Bali © Illusion
Der Urtext ist Bestandteil des 100.000 Verse umfassenden Epos Mahabharata von Vyasa. Das erzählt den Kampf zwischen zwei verfeindeten Dynastien. Die Bhagavad Gita bildet Kapitel 25 bis 42 im sechsten Buch des Epos und schildert den Moment vor der großen Schlacht, als Arjuna auf das Feld zwischen den verfeindeten Kriegerreihen fährt und ins Grübeln gerät. Bei den Gegnern kämpfen viele Verwandte, Freunde und ehemalige Lehrer mit, die er im Kampf töten müsste. Ihn befallen Zweifel, die für seinen Wagenlenker auf einem Irrtum beruhen. Der entpuppt sich als Krishna, ein Avatar des Gottes Vishnu und führt den Helden in den Yoga ein.
Um sich mit dieser Situtation und den wesentlichen Grundaussagen Krishnas vertraut zu machen, eignet sich das rund 260 Seiten umfassende Taschenbuch, das auf der Lektüreliste vieler Yogalehrerausbildungen steht. Es ist die Bhagavad Gita (Gesang Gottes) für 8,90 Euro von Jack Hawley, einem amerikanischen Unternehmensberater, Indien- und Yogaliebhaber, der die Geschichte nicht in Versen, sondern in einer leicht verständlichen Prosa nacherzählt. Michi Kern, der Herausgeber des Yoga Journal, schrieb einmal über diese Ausgabe: „Mein Sanskrit-Lehrer rümpft zwar die Nase, aber ich empfehle es gern, weil das Buch an einem Nachmittag gelesen werden kann.“ Er habe es drei Mal gelesen, in der Versversion dagegen sei er jedes Mal stecken geblieben. An einem Nachmittag habe ich es zwar nicht geschafft, aber als Bettlektüre liest es sich tatsächlich leicht und bekömmlich.
Der zentrale Gedanke lautet: Handle nach deinem Dharma, aber bleibe innerlich unbeteiligt! Verankere dich in Gott! So verstrickst du dich nicht in weltliche Zwänge, sondern befreist dich vom Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt. Das Dharma besteht bei Arjuna als Angehöriger der Kshatriya-Kaste (der Kaste der Krieger), in der Pflicht, für sein Volk zu kämpfen und den Feind zu töten. Dass Krishna an anderer Stelle die Gewaltlosigkeit empfiehlt, ist einer der bereits angedeuteten Widersprüche dieses Textes. Dass Jack Hawley aber im Vers 35, „Kapitel“ 6 (in den Versausgaben, heißen die 18 Kapitel eigentlich „Gesänge“) auch die „vier Säulen der Meditation“ einführt und dabei die Begriffe Abhyasa und Vairagya verwendet, ist ein Alleingang des Amerikaners. Die Notwendigkeit, regelmäßiges Üben (Abhayasa) und Loslassen (Vairagya) in der Waage zu halten, kenne ich als zentralen Gedanken aus dem Yogasutra von Patanjali. Im gleichen Vers betont Hawley auch die Bedeutung von Buddhi, dem Unterscheidungsvermögen und Shradda, dem hingebungsvolle Glauben an den Erfolg des Übens. Wo die Bhagavad Gita ohnehin schon zwischen Vedanta, Samkhya, Buddhismus und Hinduismus - salopp gesagt - hin und her eiert, machen es solche nachträglichen Ergänzungen nicht leichter.

Cover des Bhagavad Gita Comic als App für iPhone und iPod © Amar Chitra Katha Comics
Für den schnellen und kostengünstigen Gegencheck während der Hawley-Lektüre kann man sich für 3,60 Euro das Reclam-Bändchen Bhagavadgita griffparat halten. Darin lautet Vers 35: „Wohl ist, o Held, zu zügeln schwer/Der „Herzens“ Vielbeweglichkeit/Doch bannet es, o Kunti´s Sohn/Die Übung und Besonnenheit.“ Das klingt sehr anders! Doch mag man über diesen Unterschied großzügig hinwegsehen. Irgendwie ist ja Ähnliches gemeint. Außerdem sind Sutra und Gita ungefähr zur gleichen Zeit entstanden, nämlich zwischen 200 vor und 200 nach Christi Geburt. Doch Hawley bringt dann auch die Kundalini ins Spiel (Kapitel 10, Vers 28): „Von den Schlangen bin ich Vasuki, der Schlangengott, Symbol der Kundalini, des zusammengerollten kosmischen Energiespeichers in jedem Menschen.“ Das verfälscht das Bild von Urtext und Yogageschichte ordentlich. Das Konzept der Kundalini übernahm Yoga erst rund tausend Jahre später aus dem Tantra. In der Reclamübersetzung heißt der Vers: „(Bin von den Kühen Surabhi/Als Zeugungskraft der Liebesgott) /Und von den Schlangen Vasuki.“ Hawleys Nacherzählung erleichtert also den Einstieg. Um den Text dann aber richtig kennenzulernen, gibt es für Profis bessere Ausgaben.
Auf die Reclam-Ausgabe trifft das leider nicht zu, auch wenn es gut ist, sie da zu haben. Sie ist eben schön handlich, wurde von einem verdienten Indologen, Helmuth von Glasenapp (1891 - 1963) herausgegeben und kurz kommentiert. Aber die Übersetzung ist eher altmodisch, eine 1955 aktualisierte Fassung von 1870. An manchen Stellen erinnert die Sprache an die Art, wie die Starwars-Figur Yoda spricht. Von Glasenapp entschuldigt sich in der Einleitung auch ein bisschen: „Ungeachtet mancher Schwächen wird die Wiedergabe dem Leser eine zureichende Vorstellung von dem Original vermitteln können, mag auch die Treffsicherheit des Ausdrucks und der Hauch des Weihevollen, die dem Urtext eigen sind, sich in unsere Sprache nicht voll herübertragen lassen.“ Die Gefahr, bei der Lektüre dieser Ausgabe immer wieder steckenzubleiben, wie Michi Kern schreibt, ist nicht zu unterschätzen.
Stattdessen empfehle ich Profis eine Ausgabe, die auf zeitgemäße Art vom Sanskrit ins Deutsche übersetzt wurde: die Bhagavad Gita (Gesang des Erhabenen) vom Verlag der Weltreligionen (der wiederum zum Suhrkamp-Verlag gehört). Die Übersetzung und einen fast 300 Seiten langen, aber sehr aufschlussreichen Kommentar samt Glossar stammen von Michael von Brück, Jahrgang 1949, Religionswissenschaftler an der LMU München und Experte für Buddhismus, Hinduismus und interreligiösem Dialog. Diese Textversion ist zwar wie das Original in Versen aufgeschrieben, doch lesen diese sich deutlich flüssiger und schöner als die Reclam-Version. Da lohnt sich zumindest die Lektüre des elften Gesang, dem dramatischen Höhepunkt des Werks. Darin zeigt Krishna Arjuna sein wahres Antlitz und erscheint dabei so schaurig schön, so groß, erhaben, vielgestaltig, freundlich und furchterregend wie das Leben selbst, so dass Arjuna erst staunt, dann entsetzt bittet, der Wagenlenker möge sich in seine Menschengestalt zurückverwandeln.
Diese Ausgabe nimmt man auch wie ein Nachschlagewerk gern in die Hand; man muss die Versversion nicht in einem Ruck durchlesen. Die Erläuterungen bieten Wissen auf verlässlicher wissenschaftlicher Grundlage. Interessant zum Beispiel sind die Erläuterungen des Religionswissenschaftlers zum Begriff des Brahman. Im Unterschied zum Yogasutra ist die Bhagavad Gita eher ein religiöses Werk. Die Verankerung in Brahman (den viele grob mit „Gott“ gleichsetzen) ist eine eindeutige Aufforderung des göttlichen Avatars Krishna, um sich vom Weltlichen zu lösen. Von Brück bietet hier eine fast naturwissenschaftliche Lesart an: Brahman sei eine Art gegenseitige Anziehungskraft. „Das brahman hält die Welt im Innersten zusammen." Und weiter unten: „Diese Kraft, diese Urenergie ist nicht nur in jedem einzelnen Atom, sondern als innerer Kern der Wirklichkeit ist es auch der Kern, das innere Selbst, jedes einzelnen Menschen. Der Begriff dafür ist atman, ein Selbst, das den verschiedenen individuellen Ausformungen, den Menschen also, zugrunde liegt." Das erinnert an Quantenphysik als Lebensphilosophie. Brahman und Atman sind aber Begriffe aus dem Vedanta, der damals schon traditionellen, nondualistischen Philosophie des Vedanta. In die Bhagavad Gita flossen aber auch Konzepte der dualistischen Philosophie des Samkhya, auf der auch das Yogasutra aufbaut. Und von Brück zeigt sogar die Einflüsse des Buddhismus auf – ein drittes Konzept im Kosmos der Gita. Was denn nun – ist die Wirklichkeit dualistisch oder nondualistisch? Das muss ein moderner Yogi selbst entscheiden. Christen kennen das schon aus der Bibel, wo die Friedensbotschaft im selben Buch steht wie das alttestamentarische „Auge-um-Auge–Prinzip“ des Alten Testaments. Und wer eher auf die Wissenschaft hört, muss sich im Widerstreit vieler Theorien für diejenige entscheiden, die ihn intuitiv am meisten überzeugt.
Regeln wie Pflicht zum Töten und Pflicht zur Gewaltfreiheit könnten je nach Situation gelten, bietet von Brück als Umgang mit den Widersprüchen der Gita an. Hinter vordergründigen Widersprüchen stünde eventuell eine eigene Logik. „Nicht, dass Indien nicht auch eine Logik entwickelt hätte, die den Satz vom Widerspruch kennt. Aber der Geltungsbereich dieser formal logischen Regel ist begrenzt, da alles Formulierte nur Ausdruck eines dahinterliegenden Gesetzes ist.“ Die Praxis kann helfen, diese Gegensätze nebeneinander stehen zu lassen, von Anstrengung und Gelassenheit bei der perfekten Ausführung eines Asana etwa. Man spürt das Zusammen-Spiel der Gegensätze im Herzen. Und teilt es mit den anderen Spürenden durch ein Lächeln.
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