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Yoga-Philosophie

Im weiten Sinne verbindet man mit Yoga-Philosophie ein umfangreiches geistiges System indischer Herkunft, das sich je nach Traditionsverständnis religiös, philosophisch-wissenschaftlich oder körperorientiert darstellt. Die älteste Tradition ist der religiöse Yoga, der auf den „veda“ zurückweist. Die Veden sind Texte, die zwischen dem 1500 und 500 vor Christi Geburt entstanden und als „heiliges Wissen“ das Fundament des Hinduismus darstellen. Auch die Bhagavadgita, die als Teil des Epos Mahabharata etwa im Laufe mehrere Generationen entstand und spätestens im 3. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung abgeschlossen wurde, zählt zu dieser Traditionslinie. Die jüngste Tradition dagegen ist der körperorientierte Ansatz des Hatha-Yoga, dessen erste Texte im Hochmittelalter (frühestens 11. Jahrhundert) auftauchten und sich im wesentlichen auf eine spirituelle Anatomie stützt. Dazu gehört die Lehre der Energie „Kundalini“ und der Chakren, die wiederum auf dem indischen Tantra fusst. Der bekannteste Text der Hatha -Tradition ist die Hatha-Yoga-Pradipika (14. Jahrhundert). Yoga-Philosophie im engeren Sinne dagegen stellt die Beruhigung des Geistes in seinen Fokus. Sie entstand in der als „klassisch“ bezeichneten Epoche der Yoga-Geschichte. Ihr bekanntester Vertreter ist Patanjali, dessen Lebenszeit die moderne Wissenschaft nicht genauer als zwischen 200 vor und 200 nach Christi Geburt bestimmen kann. Er verfasste den „Yoga Sutra“, ein Leitfaden aus 195 Aphorismen, den sogenannten „Sutren“, die ohne gelehrten Kommentar von Laien in ihrer Tiefe nicht zu verstehen sind. Das berühmteste Sutra dieses Werkes ist das zweite: yogah citta vritti nirodha (1.2.). Es definiert – je nach Übersetzung – Yoga als die Kunst, seine äußeren und vor allem inneren Bewegungen zu „beherrschen“, zu „beruhigen“ beziehungsweise auf ein Objekt „auszurichten“. Gelingt dies, entsteht die Fähigkeit, das Wesentliche zu erkennen; das ist dem Sinn nach die Aussage des dritten Sutra. tada drastuh svarupe avasthanam (1.3). Ansonsten identifiziert sich das Ich mit den inneren Bewegungen, beziehungsweise mit Gedanken, übernommenen Konzepten und Gefühlen; was dem Sinn nach die Aussage das vierte Sutra aussagt vrittisarupyam itaratra (1.4). Zusammen mit dem ersten Sutra, attah yoganusasanam (Jetzt zur Erklärung des Yoga), stecken die ersten vier Leitsätze die Zielsetzung dieser anwendungsorientierten Philosophie so klar ab, dass manche große Lehrer sie als Herz der Yoga-Philosophie begreifen. Die modernen Ausläufer der Yoga-Philosophie ist der Integrale Yoga, ausgehend vom Wirken des Inders Sri Aurobindo (1872 – 1950) bis zu zeitgenössischen Entwicklungen der Integralen Theorie.

Quellen

  • Die Yoga Tradition (Geschichte, Literatur, Philosophie & Praxis), Georg Feuerstein
  • Yoga Philosophie-Atlas, Eckard Wolz-Gottwald
  • Über Freiheit und Meditation (Das Yoga Sutra des Patanjali). Übertragung und Kommentar von T.K.V. Desikachar

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